Ein neues Wort für eine alte Wahrheit
Plurakonomie. Das Wort klingt neu – und ist es auch. Zusammengesetzt aus dem Esperanto-Wort plura (= vielfach, zahlreich, plural) und dem deutschen Begriff Ökonomie, benennt es etwas, das zwar nie aufgehört hat zu existieren, aber selten so klar benannt wurde: die Vielfalt der Wirtschaftsweisen als Prinzip, nicht als Mangel.
Es gibt bereits den Begriff “Plurale Ökonomik” – eine akademische Bewegung von Ökonominnen und Ökonomen, die sich seit 2003 der Monokultur der neoklassischen Wirtschaftstheorie in Lehre und Forschung widersetzen. Plurakonomie meint etwas anderes und Weitergehendes: nicht nur die Pluralität des ökonomischen Denkens, sondern die Pluralität des ökonomischen Tuns – verschiedene Wirtschaftsweisen, gleichzeitig, nebeneinander, ineinander, je nach kulturellem Hintergrund, lokalen Ressourcen und sozialen Beziehungsgefügen.
Plurakonomie ist kein Gegensystem. Es ist die Anerkennung, dass es das eine Wirtschaftssystem nie gab – und nie geben wird.
Das Ende der Monokultur
Unsere gegenwärtige Wirtschaftspraxis ist von einer gefährlichen Illusion geprägt: der Vorstellung, es gäbe ein richtiges Wirtschaftssystem, das für alle Menschen, alle Kulturen, alle Regionen der Welt gilt. Ob marktliberal oder staatssozialistisch – beide großen Denkschulen des 20. Jahrhunderts verfolgten monolithische Ansprüche. Der eine Markt, der alles regelt. Der eine Plan, der alles koordiniert. Beide haben ihre Grenzen gezeigt.
Was wir dagegen selten beachten: Die Welt hat sich nie wirklich auf ein einziges Wirtschaftssystem eingelassen. Selbst im Herzen kapitalistischer Gesellschaften existieren gleichzeitig:
- Familiäre Fürsorge, die nicht verrechnet wird
- Nachbarschaftliche Hilfe, die auf Vertrauen, nicht auf Verträgen beruht
- Gemeinschaftliches Eigentum in Vereinen, Genossenschaften, Commons
- Tauschwirtschaft in formellen und informellen Kreisen
- Staatliche Umverteilung als kollektive Solidarstruktur
Monolithische Systeme scheitern an der Vielfalt menschlicher Bedürfnisse. Ein Wirtschaftssystem, das Kultur, lokale Ressourcen und soziale Strukturen ignoriert, ist kein universelles System – es ist eine aufgezwungene Vereinheitlichung, die zwangsläufig Widerstand erzeugt und Potenziale vernichtet.
Plurakonomie sagt: Das ist keine Schwäche des Systems. Das ist die Natur wirtschaftlichen Lebens. Verschiedene Orte, verschiedene Kulturen, verschiedene Ressourcenlagen verlangen verschiedene wirtschaftliche Formen. Das ist kein Problem, das gelöst werden muss. Es ist eine Tatsache, die anerkannt und gestaltet werden will.
Drei Ebenen der Plurakonomie
Plurakonomie denkt in Ebenen – nicht in Hierarchien, sondern in Schichten, die sich gegenseitig ermöglichen, begrenzen und tragen.
Ebene 1: Geldfreie Gemeinschaft – Beitragen statt Tauschen
Die grundlegendste Ebene wirtschaftlichen Lebens ist die, die wir am wenigsten als “Wirtschaft” wahrnehmen: die Gemeinschaft.
In Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft funktioniert Wirtschaft ohne Geld – nicht weil es keine Ressourcen gäbe, sondern weil die Logik eine andere ist. Niemand stellt der Mutter eine Rechnung für die Jahre der Kinderbetreuung. Niemand berechnet dem Freund, der beim Umzug hilft, einen Stundenlohn. Die Basis ist nicht Tausch, sondern Beitragen.
Beitragen statt Tauschen bedeutet: Ich gebe, was ich kann – nicht weil ich eine bestimmte Gegenleistung erwarte, sondern weil ich Teil eines Ganzen bin, das mich trägt und das ich trage.
Diese Wirtschaftsweise kennt keine Konten, keine Schulden im monetären Sinne, keine Zinsen. Sie basiert auf Vertrauen, Zugehörigkeit und gegenseitiger Wahrnehmung. Sie ist nicht naiv – sie hat sehr klare soziale Normen und Grenzen. Aber sie funktioniert nach einer fundamentell anderen Logik als die Marktlogik.
Die Geltung in der Gemeinschaft – das, was in diesem Blog als GELT bezeichnet wird – braucht auf dieser Ebene keine Währung, keinen Wechselkurs, keine digitale Plattform. Sie ist das Gewebe des sozialen Vertrauens selbst. Wer beiträgt, gewinnt Anerkennung, Sicherheit und Zugehörigkeit – nicht als Tauschäquivalent, sondern als natürliche Folge gelebter Gemeinschaft.
Diese erste Ebene ist die Grundlage, nicht der Rand. Gesellschaften, die sie vergessen oder der Marktlogik opfern, verlieren ihr tragendes Fundament.
Ebene 2: GELT – Beziehungsbasiertes Wirtschaften zwischen Gemeinschaften
Wenn Gemeinschaften miteinander in Austausch treten, entsteht die Frage nach einem gemeinsamen Medium. Hier beginnt die zweite Ebene der Plurakonomie – und hier ist GELT als Information von zentraler Bedeutung.
GELT auf dieser Ebene ist nicht Gold, nicht Staatswährung, nicht Kryptowährung. Es ist keine stoffliche Größe, die extrinsisch gedeckt ist – also durch ein Material (Gold, Öl) oder eine externe Institution (Staat, Zentralbank). GELT wird gedeckt durch Beziehung.
Was bedeutet das konkret?
- GELT entsteht dort, wo zwei oder mehrere Parteien etwas vereinbaren
- Es dokumentiert diese Vereinbarung – transparent und nachvollziehbar für alle Beteiligten
- Die “Deckung” ist nicht ein Edelmetall im Tresor, sondern das Netz der Verbindlichkeiten und Versprechen zwischen realen Menschen
- Das, was vereinbart wird, gilt – nicht kraft staatlicher Autorität, sondern kraft Beziehung
In dieser Logik ist GELT Information: Es kommuniziert, wer was wem geleistet hat, was als Wertäquivalent vereinbart wurde und wer welche Verpflichtungen übernommen hat. Diese Information wird transparent kommuniziert – das ist kein Detail, sondern der Kern. Transparenz ersetzt hier die externe Garantie. Systeme wie LETS (Local Exchange Trading Systems), Tauschringe und Zeitbanken arbeiten mit Varianten dieser Logik.
Der entscheidende Unterschied zu herkömmlichem Geld: GELT in diesem Sinne kann nicht als Selbstzweck gehortet werden. Es ist nicht “wertvoll an sich” – es ist informativ über Beziehungen . Es entsteht aus Vereinbarung und verliert seinen Charakter, wenn die Beziehung endet oder die Vereinbarung nicht eingehalten wird.
Zwischen Gemeinschaften, die auf GELT-Basis wirtschaften, entstehen so Netze des Vertrauens – skalierbar, aber nicht unbegrenzt. Die natürliche Grenze ist die Tragfähigkeit echter Beziehungen und die Möglichkeit, Vereinbarungen nachzuverfolgen und zu würdigen. Diese Begrenzung ist kein Fehler – sie ist ein Korrektiv gegen die Entgleisung, die wir im modernen Finanzsystem beobachten.
Ebene 3: Transnationale Fairbindungen – Noch zu finden
Die dritte Ebene ist die offenste: Wie können Gemeinschaften, die nach plurakonomischen Prinzipien wirtschaften, auf transnationaler Ebene fair miteinander verbunden sein?
Diese Frage ist noch nicht abschließend beantwortet. Existierende Ansätze – internationale LETS-Netzwerke, solidarische Handelsbeziehungen, Commons-Recht, globale Freiwilligenprojekte – zeigen erste Möglichkeiten, aber noch kein kohärentes Bild.
Was wir ahnen können: Transnationale Fairbindungen müssen
- asymmetrische Machtstrukturen (Nord-Süd, reich-arm, ressourcenreich-ressourcenarm) aktiv berücksichtigen und ausgleichen
- kulturelle Verschiedenheit als Ressource begreifen, nicht als zu überwindendes Hindernis
- nicht auf eine Einheitswährung oder ein Einheitssystem hinauslaufen – das würde den Grundgedanken der Plurakonomie aufheben
- Transparenz und gegenseitige Sichtbarkeit als unverhandelbare Grundprinzipien verwirklichen
- lokal verankert bleiben, auch wenn sie global verbinden
Die Suche nach diesen Fairbindungen ist eine der dringlichsten Aufgaben plurakonomischen Denkens. Sie ist bewusst offen gehalten. Das ist keine Schwäche des Konzepts – es ist seine ehrliche Einladung zur gemeinsamen Entwicklung.
Plurakonomie als Haltung und Forschungsauftrag
Der wichtigste Impuls der Plurakonomie ist kein fertiger Systemvorschlag – er ist eine Haltung:
Es braucht Vielfalt im Denken, im Forschen und in der praktischen Erprobung. Kein Dogma wird ausreichen. Keine Theorie wird alle Fragen beantworten. Was wir brauchen, sind viele Experimente, viele Gemeinschaften, viele Antworten – auf die je eigenen Fragen je eigener Kontexte.
Das ist keine Beliebigkeit. Plurakonomie setzt voraus, dass wirtschaftliche Systeme bewusst gestaltet werden – mit klaren Werten, Transparenz und dem Willen zur Rechenschaft. Aber sie lehnt den Universalanspruch ab, dass eine einzige Lösung für alle gilt.
Plurakonomie als Forschungsauftrag bedeutet:
| Ebene | Praxis | Forschungsfrage |
|---|---|---|
| Gemeinschaft | Beitragende Netzwerke ohne Verrechnung | Was trägt Beitragen? Was lässt es scheitern? |
| Zwischengemeinschaft | GELT-basierte Vernetzung | Wie skaliert Beziehungsökonomie? |
| Transnational | Fairbindungen (in Entwicklung) | Wie verbindet sich das Lokale gerecht global? |
| Übergreifend | Bewusstseinsbildung | Was müssen wir neu denken lernen? |
Das Esperanto-Wort plura stammt aus einer Sprache, die einst angetreten ist, Verständigung ohne Dominanz zu ermöglichen. Das ist kein Zufall als Wurzel für Plurakonomie: Es geht nicht darum, wessen Wirtschaftsweise die richtige ist. Es geht darum, gemeinsam herauszufinden, welche Wirtschaftsweisen in welchen Kontexten tragen – und die Bedingungen zu schaffen, unter denen sie sich entfalten können.